Sturmflut
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Eine Ballade in 3 Schwierigkeitsstufen

Oder: Stil vs. Verständlichkeit?

Sturmflut
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Wie vereinfache ich ein literarisches Werk? Bemühe ich mich, den Stil zumindest im Ansatz zu erhalten? Oder geht es einzig und allein um die Verständlichkeit? Diesen spannenden Fragen haben sich Teilnehmer:innen der praktischen Übersetzungsreihe gestellt, die ich 2019 und 2020 über den BDÜ angeboten habe. Anlass war die Übertragung der Ballade Nis Randers von Otto Ernst. Es sei gesagt: Jede:r hat die Aufgabe auf eine eigene Art gelöst — denn wie so oft bei Übersetzungen gilt auch hier: Es gibt kein richtig oder falsch. Es sind tolle Ergebnisse herausgekommen.
Ich habe mal ein Beispiel einer sehr freien Auslegung gewählt und es in Kontrast gesetzt mit meiner eigenen – viel leichteren – Version. Beate Huth ist es in ihrem Nis Randers gelungen, eine gereimte Form zu bewahren. Chapeau!

Nis Randers

(Original von Otto Ernst)

(Version von Beate Huth)

(meine Version)

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!

Donner und Blitz,
Gewitter und Sturm.
Menschen stehen am Meer.
Sie schauen hinaus.
Es ist dunkle Nacht.
Die Menschen fürchten sich sehr.

Es ist Nacht.
Es stürmt.
Es blitzt und donnert.
Der Wind und das Meer sind sehr laut.
Die Wellen sind sehr hoch.

Und brennt der Himmel, so sieht mans gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sichs der Abgrund.

Der Sturm tobt laut.
Ein Blitz leuchtet hell:
Ein Schiff ist draußen zu sehen.
Es liegt nicht weit weg,
jedoch schon ganz schräg.
Das Schiff wird bald untergehen.

Am Strand stehen Leute.
Plötzlich hören sie einen Schrei.
Jemand schreit auf dem Meer.

Ein Blitz macht den Himmel hell.
So können die Leute sehen:
Auf dem Meer ist ein Boot.
Das Boot ist in Gefahr:
Bald geht es unter.

Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“

Und mitten im Sturm
hört man den Schrei –
ein Seemann hängt noch im Mast!
Nis Randers beschließt:
„Wir retten den Mann!“
Und alles ganz ohne Hast. 

Auch Nis Randers steht am Strand.
Nis sagt:
„Ich sehe einen Mann auf dem Boot.
Wir müssen den Mann retten.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich wills, deine Mutter!

Nis‘ Mutter hat Angst.
Nis soll nicht fort.
Sie will ihren Sohn behalten.
Nis ist der einzige,
der ihr noch blieb,
nicht starb in den Meeres-Gewalten.

Die Mutter von Nis hält ihren Sohn fest.
Sie sagt:
„Bitte fahr nicht auf das Meer!
Das ist zu gefährlich.
Ich habe nur noch dich.
Du sollst nicht auch noch sterben!“

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“

Ihr Mann ist ertrunken.
Ein anderer Sohn auch.
Und ein dritter Sohn wird lang schon vermisst.
Uwe – so heißt er.
Ihr Uwe! Nis weiß,
wie schlimm das für Mutter ist.

Die Mutter sagt auch:
„Dein Vater ist auf dem Meer gestorben.
Und dein Bruder Momme ist auf dem Meer gestorben.
Ihr Boot ist untergegangen.

Auch dein Bruder Uwe ist weg.
Uwe ist vor 3 Jahren auf das Meer gefahren.
Und er ist nicht wiedergekommen.
Mein Uwe! Mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“

Die Mutter ist traurig,
will nicht, dass nun Nis
im Wasser verliert sein Leben.
Doch Nis zeigt zum Schiff.
Er sagt: „Mutter, ich geh!
Muss den Mann seiner Mutter doch geben.“

Nis sagt:
„Der Mann auf dem Meer hat doch auch eine Mutter!
Und wenn der Mann stirbt?
Dann ist die Mutter von dem Mann auch traurig.
Wir müssen den Mann retten!“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Nis springt ins Boot.
6 Freunde mit ihm.
Sie rudern hinaus in die Wellen.
Die Menschen am Ufer
fragen sich schon:
„Wird das Boot wohl im Meer zerschellen?“

Nis und 6 Männer springen auf ein Boot.
Die Männer sind mutig.
Die Männer sind groß und stark.

Die Männer rudern sehr schnell.
Die Wellen sind sehr hoch.
Das Boot schaukelt sehr.
Das Boot geht fast kaputt.
Es ist sehr gefährlich.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern …! Nein, es blieb ganz …!
Wie lange? Wie lange?

Die Wellen sind hoch.
Die Wellen sind stark.
Sie werfen das Boot hin und her.
Boot oben, Boot unten.
Lang dauert die Fahrt.
Das Boot? Man sieht es nicht mehr.

Das Boot fährt immer weiter raus auf das Meer.
Jetzt können die Leute am Strand
das Boot nicht mehr sehen.

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –
Sie sind es! Sie kommen! – –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt…
Still – ruft da nicht einer? – Er schreits durch die Hand:
„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

Die Blitze zucken.
Der Donner grollt.
Doch da! Das Boot! So ein Glück!
Und Nis Randers ruft laut
-die Mutter soll es hören –
„Wir bringen dir Uwe zurück!“

Es blitzt wieder.
Der Blitz macht den Himmel hell.
Da sehen die Leute am Strand ein Boot.
Das Boot kommt näher.

Die Leute am Strand sehen:
Auf dem Boot sind die Männer und Nis!
Die Leute am Strand sind sehr froh.

Plötzlich ist es wieder dunkel.
Die Leute am Strand sehen jetzt nichts mehr.
Der Sturm ist laut.
Die Leute schauen auf das Meer.
Ein Mann sagt:
„Seid still!
Ich höre einen Mann rufen.“

Der Mann ist Nis.
Nis ruft:
„Sagt meiner Mutter Bescheid:
Wir haben Uwe gefunden!“

Übrigens: Ich habe Beates Version mit in die Prüfgruppe genommen. Erwartungsgemäß wurden viele Dinge nicht verstanden – von Meeresgewalten über zerschellen bis ohne Hast. Es wundert auch nicht, dass die Satzstellung Probleme bereitete (O-Ton: „Das ist aber komisch geschrieben!“). Ich denke aber auch, dass die Prüfsituation dazu beiträgt, den Text besonders kritisch zu sehen. Schließlich geht es beim Prüfen ja gerade darum, den Text genau unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen. Zudem haben die Prüfer:innen selbst gelesen.

Bei einer Lesung, vielleicht sogar mit visualisierenden Folien oder passenden Hintergrundgeräuschen, wäre das Feedback ein anderes. Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 treffen wir uns einmal die Woche zu einer inklusiven Lesestunde. Auch dort lesen wir Geschichten, bei denen ganz sicher nicht immer alle alles verstehen. Aber: Die Verständnislücken sollten zwar nicht zu groß sein. Wenn aber die Stimmung, die Intention ankommt, gleicht das viel aus.

Gleichzeitig sind Geschichten wichtig, die auch für Leser:innen mit sehr geringem Wortschatz und großem Bedarf nach zusätzlichen Erklärungen transparent sind. Auch bei literarischen Texten gilt abzuwägen. Und sich vorher gut zu überlegen: Was ist meine Intention? Und: Wen möchte ich erreichen?

Mein Mann stammt aus Galicien, ein Teil Spaniens, der gesprägt ist von der rauen Atlantikküste (ich sag nur Costa da Morte – Todesküste). Er war berührt vom Schicksal der Mutter und vom Mut Nis Randers´. Das Original war für ihn völlig unverständlich. Beates Version gefiel ihm zunächst stilistisch besser, insgesamt war es dann aber doch zu viel, was ihm verschlossen blieb. Deshalb blieb er bei meiner leicht-leichten Übertragung hängen.

Die Gegenüberstellung der drei Versionen zeigt also noch etwas anderes: Einer guten Geschichte kann ein sprachliches Korsett nichts anhaben. Es bleibt eine gute Geschichte. Alexandra Lüthen drückt dies wunderbar in dem Buch Allen eine Chance – Warum wir Leichte Sprache brauchen aus:

Das ist dann eine Freude, wenn man merkt: Die Güte des Textes hat rein gar nichts mehr mit seiner Regeltreue zu tun. Das ist nur ein Anlass, ein definiertes Feld und dort findet jetzt etwas statt. Eine Geschichte, ein Roman, ein Lied, Lyrik. Und alles geht. Weil die Geschichte Kraft hat und der Roman Zug und das Lied Ton und die Lyrik Leichtigkeit und Schwere zugleich.

Wie siehst du das? Ich bin neugierig!

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4 Kommentare

  1. Sehr spannend, genial! Ich bin ganz deiner Meinung. Ich finde, die persönliche Note durch die Ansicht deines Mannes unterstreicht die Bedeutung auch noch mal sehr aus einer weiteren wichtigen Perspektive.
    Witzigerweise bin ich dann auch bei dir geblieben. Anfangs bin ich zum Vergleich noch hin und her gesprungen. Dann fesselte mich die Geschichte, ich war so neugierig und wollte schnell wissen, wie es weitergeht – und bin bei deiner Version geblieben. :))) Erst danach habe ich noch mal bei den anderen geschaut. Das Resümee: Ich gehöre also zu der Zielgruppe “auf die Schnelle”! … ob aus Neugier, Ungeduld oder Zeitmangel sei mal dahin gestellt. 😉

  2. Silvana Pasquavaglio

    Hallo Inga, ich glaube, dass man Literatur in den meisten Fällen nicht in Leichte Sprache übersetzen kann.
    Das Beispiel hier ist grandios. Das Original hat mich mitgerissen. Ich habe mitgefiebert und die Macht und die Naturgewalt gleichsam gespürt. Ich habe mit der Mutter gelitten und Nis und die sechs Männer für ihren Mut bewundert und mich um sie geängstigt.
    Dass es mir so ging, lag nicht an dem Stoff/Inhalt allein. Es lag gerade an dieser so besonderen Sprache und dem großen Sprachgefühl des Autors, der das Wüten des Meeres in großartigen Bildern transportiert.

    Beate Huth hat in ihrer Version versucht, nicht nur den Inhalt, sondern auch die besondere Sprache zu transportieren und zugleich möglichst verständlich zu schreiben.
    Deine Version ist Leichte Sprache, so wie ich sie verstehe: Hier geht es nur um die Verständlichkeit. Der Inhalt soll verstanden werden und dafür werden leichte Strukturen verwendet: Kurze Sätze, Wörter, die jeder kennt und versteht. Der Inhalt wird transportiert.
    Die dramatische Situation wird verstanden (als Beispiel nanntest Du Deinen Mann, der als Spanier des Deutschen (noch) nicht so mächtig ist).
    Aber diese/Deine Version ist aus meiner Sicht keine Literatur mehr. Sie ist „nur noch“ Nachricht, Erklärung, was passiert. Sie klingt in meinen Ohren blutleer. ABER und das ist ja der Sinn einer Übersetzung in Leichte Sprache: Der Inhalt wird von denjenigen verstanden, die vom Original aus vielerlei Gründen überfordert sind.

    Ich glaube aber, ähnlich wie Ihr, dass das Original auch von der Zielgruppe mit entsprechender audiovisueller Unterstützung von zumindest einem Teil der Zielgruppe (Menschen mit Lernbeeinträchtigung) verstanden werden könnte. Vor allem, wenn das Gedicht nach der Lesung diskutiert wird.

    Mein Fazit: Man braucht viel Vorbereitung, muss den Text analysieren, entspechende Hilfsmittel (also vielleicht auch eine dramatische Lesung mit verschiedenen Stimmen und die Unterstützung durch „sprechende“ Bilder + anschließender Diskussion) dann kann auch das Original der Zielgruppe nähergebracht werden und die Zielgruppe bekommt ZUGLEICH ein Gespür für besondere Sprache – für Literatur.

    Die kostengünstigere und weniger aufwendige Variante ist die Übersetzung in Leichte Sprache. In dieser Variante wird aber nur der Inhalt übertragen, nicht das, was Literatur ausmacht.

    Den reinen Inhalt von Lyrik kann man in Leichte Sprache übersetzen, aber es ist dann keine Lyrik mehr. Zumindest kenne ich kein Beispiel. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn mir jemand einen Hinweis auf Beispiele gelungener Übersetzungen von Lyrik in Leichte-Sprache-Lyrik zeigen könnte.

    Danke für den wertvollen und inspirierenden Beitrag, Inga! 🤗
    Silvana Pasquavaglio

  3. Inga K.

    Ich habe hin und wieder schon den Kommentar gehört: „Wir schreiben lieber einfache Sprache und keine Leichte Sprache, es soll sich nämlich auch noch schön anhören.“ Deine Übersetzung zeigt, dass auch Leichte Sprache sich schön anhören kann, die Geschichte bleibt fesseln und natürlich ist das auch Literatur. Es ist eben ein anderes Genre und Leichte Sprache benutzt andere stilistische Mittel als Dichtung. Gute literarische Werke lassen im Kopf des Lesers oder Zuhörers Bilder entstehen, und das kann mit Leichter Sprache genauso gut klappen. …gut gemacht!

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