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Das technische Leichte Sprache-Helferlein meiner Träume

Photo by Christian Wiediger on Unsplash

Wie müsste eine Übersetzungs-Software für Leichte Sprache aussehen?

Bisher beschränken sich die technischen Helferlein der Leichten Sprache auf die Qualitätskontrolle bereits formulierter Texte. Werkzeuge wie LanguageTool, TextLab oder LIX geben Auskunft darüber, ob ein Satz zu lang ist oder ein Wort zu komplex. Ich möchte aber ein Programm, dass mich während des Übersetzungsprozesses unterstützt.

Ein Übersetzungs-Tool für Leichte Sprache?

Fachübersetzer:innen kommen heute nicht ohne professionelle Übersetzungs-Software aus. Sogenannte CAT-Tools sichern die Qualität der Übersetzungen (CAT = Computer Assisted Translation). Diese Programme beschleunigen die Arbeit und garantieren eine einheitliche Terminologie. Für die Übertragung in Leichte Sprache gibt es hingegen bisher kaum technische Hilfsmittel. Die meisten Übersetzer:innen arbeiten mit gewöhnlichen Textprogrammen wie Word.

Man könnte sagen: Für die Arbeit mit Leichter Sprache ergibt solch ein Tool wenig Sinn. Schließlich spezialisieren sich die wenigsten auf einen Fachbereich. Vielmehr übersetzen sie ein breites Spektrum an unterschiedlichen Texten. Ein spezielles Leichte Sprache-CAT-Tool würde da eher Arbeit machen als welche abnehmen. Klar ist aber: Bei langen Texten oder häufig vorkommenden Themenfeldern könnte die passende Technik ganz klar für mehr Qualität und Effizienz sorgen.

Mehr Qualität, weil wir besser den Überblick behalten. Klar: Auch ohne passgenaues Werkzeug ist ein professionelles Terminologiemanagement möglich. Doch die händische Pflege von Terminologielisten bedeutet immer zusätzlichen Aufwand. Vielleicht geht es dir ähnlich: Bei kurzen Deadlines und überbordendem Schreibtisch sind dies die Dinge, die zuerst wegfallen. Und dann ertappt man sich dabei, wie man doch wieder alte Übersetzungen durchforstet (Wie hab ich das nochmal beim letzten Mal erklärt?). Ärgerlich. Wie schön und effizient wäre es, wenn wir zuvor erstellte Definitionen schnell mit einem Klick einfügen können.

Mein erster Gedanke war: Vielleicht kann man ein herkömmliches CAT-Tool auf die Leichte Sprache anpassen. Warum ich von diesem Gedanken mittlerweile abgekommen bin, möchte ich jetzt erklären.

Wie funktioniert ein CAT-Tool?

Vielleicht übersetzt du nun nicht in oder aus einer Fremdsprache. Ich erkläre also wohl besser erstmal grob, wie ein herkömmliches CAT-Tool funktioniert.

1. Sprache A -> 2-sprachiges Dokument in SpracheA+SpracheB -> Sprache B
Glossar SpracheA/B -> SpracheA+B
Schema eines CAT-Tools
  • Schritt 1: Das Programm erstellt eine zweisprachige Datei. Es füttert sie mit unserem Ausgangstext.
  • Schritt 2: Es Teilt unseren Text in verschiedene Segmente. Jedes einzelne besteht aus einem längeren oder mehreren kurzen Sätzen.
  • Schritt 3: Das Programm ordnet jedem Segment ein zunächst leeres Segment in der Zielsprache zu.
  • Schritt 4: Ich kann das Programm bereits gespeicherte Texte durchforsten lassen, um ähnliche Textstellen ausfüllen zu lassen. Dabei muss ich wählen, wie ähnlich die Textstellen sein soll (je geringer die Ähnlichkeit, umso mehr Textstellen findet das Programm. Aber: Umso weniger passen die Stellen in meinen Text).
    Möglich ist auch, den Zieltext zum Beispiel mit DeepL maschinell übersetzen zu lassen.
  • Schritt 5: Ich übersetze den Text Segment für Segment in die Zielsprache.
  • Schritt 6: Das Programm erstellt wieder einen einsprachigen Text. Diesmal aber in der Zielsprache. Hatte der Ausgangstext Bilder, so fügt das Programm die Bilder an den gleichen Stellen wieder ein. Das heißt: Ausgangs- und Zieltext sehen praktisch gleich aus, nur die Sprache ist eine andere.

Die Segmentierung alleine bringt keine Arbeitserleichterung. Der Clou ist das Gedächtnis des Programms. Genauer gesagt: Die zwei Gedächtnisse:

  1. Zum einen legt es den sogenannten Übersetzungsspeicher an. Dieser setzt bei Schritt 4 an.
  2. Das zweite Gedächtnis funktioniert nicht automatisch: Von Hand kann ich einzelne Begriffs-Paare in ein Glossar eingeben. Auch eine Definition oder andere Erläuterungen sind möglich.
  3. Alternativ kann ich auch externe Glossare einspeisen, zum Beispiel von Kolleg:innen. Zur Erkennung werden Begriffe aus dem Glossar im Text selbst markiert. Bei Bedarf kann ich dann das Glossar in einem kleinen Fenster öffnen oder den Begriff direkt in meine Übersetzung einfügen lassen.
  4. Die letzte Möglichkeit ist die maschninelle Übersetzung.

CAT-Tools eignen sich eher nicht für Leichte Sprache

Das herkömmliche CAT-Tool segmentiert einen Text. Das ist bei der Leichten Sprache nicht sinnvoll, kann hier ein Abschnitt doch viel länger sein. Andere fallen ganz weg. Auch die Reihenfolge des Inhalts ist oft völlig anders. In der Regel füge ich zusätzliche Bilder ein. Auch Schriftart und Größe wird verändert, um den Text leserlicher zu gestalten. Kurz gesagt: Mein Zieltext ist völlig anders als mein Ausgangstext.

Die Segmentierung von Hand vorzunehmen, wäre schwierig, da viele Stellen nich eindeutig zuordbar sind. Zudem wäre es zeitaufwändig und damit wenig zielführend. Die wichtigsten Funktionen eines CAT-Tools lassen sich also nicht für die Leichte Sprache nutzen.

Warum maschinelle Übersetzungen für Leichte Sprache zumindest derzeit nicht geeignet sind, erklärt Andrea Halbritter ausführlich in ihrem Blog. Auch die Forschungsstelle Leichte Sprache urteilt in ihren FAQs: „Maschinelle Übersetzung in Leichte Sprache gibt es nicht und wird es nicht geben“

Es bleibt also eigentlich nur das oben beschriebene „zweite Gedächtnis“, also ein manuell erstelltes Glossar, auf das ich direkt aus meinem Schreibprogramm heraus zugreifen kann.

Papyrus Autor

So eine Möglichkeit bietet die Software für Autor:innen Papyrus: Mit dem Text können Datenbanken verknüpft werden, auf die ich beim Schreiben direkt zugreifen kann. Gedacht sind diese sogenannten Storykarten für Hintergrundwissen zu Charakteren, Orten oder Gegenständen. Sie funktionieren aber auch als Glossar.

Papyrus bietet dazu noch viele weitere nützliche Funktionen wie eine Synonymsuche, einen Stiltest, die Duden-Rechtschreibkontrolle und sogar einen Lesbarkeitsindex.

Ausschnitt aus Papyrus
Lesbarkeitsindex in Papyrus

Jetzt fragst du dich vielleicht: Und warum nutzt Inga dann nicht Papyrus? Die Antwort: Weil Leichte Sprache Teamarbeit ist – und alle anderen, die am Erstellungsprozess beteiligt sind, nicht mit Papyrus arbeiten. Also weder meine Lektorin und Prüfmoderatorin Angelika Haarkamp noch die Auftraggeber:innen. Papyrus arbeitet aber leider mit einem speziellen Format. Ich müsste also die Texte mehrmals ex- und wieder importieren.

Dazu kommt, dass die Einarbeitung in die Tiefen des Programms ein bisschen aufwändig. Ich liebe Papyrus zum Schreiben von Artikeln und Texten aller Art. Für die Leichte Sprache hat es sich aber für mich als nicht so praktikabel erwiesen wie erhofft.

Ein Plugin für Word

Ideal wäre also – so denke ich – ein Plugin für Word. Oder was denkst du?

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