Ein Arzt und zwei Schwestern machen eine Defibrillation an einem Patienten
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Leichte Sprache in der Medizin

Ein Arzt und zwei Schwestern machen eine Defibrillation an einem Patienten
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Informationen zu verstehen ist eine der Voraussetzungen, damit wir selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Leichte Sprache ist ein Mittel, dies zu erreichen. Das allein sollte Argument genug sein, damit Aufklärungsbögen, Beipackzettel und andere Informationstexte aus der Medizin in Leichter Sprache angeboten werden.

Es gibt aber auch einen ganz pragmatischen Grund: Diese Texte haben auch die Funktion, ein Krankenhaus oder ein Pharmaunternehmen rechtlich zu schützen. Zum Beispiel vor möglichen Schadensersatzansprüchen. Wenn die Informationen aber nicht verstanden werden, ist niemand abgesichert. Denn jeder medizinische Eingriff ist rechtlich gesehen eine Körperverletzung. Nur durch die Einwilligung der Patient*innen sind Eingriffe legal. Wirklich in etwas einwilligen kann ich aber nur, wenn ich verstehe. Dies scheint vielen medizinischen Dienstleistenden nicht bewusst zu sein (man denke nur an die extrem leserfeindliche Gestaltung von Beipackzetteln).

Jeder medizinische Eingriff ist rechtlich gesehen eine Körperverletzung. Nur durch die Einwilligung der Patient*innen sind Eingriffe legal. Wirklich in etwas einwilligen kann ich aber nur, wenn ich verstehe. #LeichteSprache Klick um zu Tweeten

Angstmachende Beschreibungen

Es geht also um Rechte und um rechtliche Absicherung. Medizinische Aufklärungsbögen in Leichter Sprache bergen aber auch die Gefahr, Ängste zu schüren. Theoretisch denke ich: Leichte Sprache sollte nur die Form und nicht den Inhalt ändern. Die Zielgruppe der Leichten Sprache hat ein Recht auf eine vollständige Übertragung. Alles andere wäre gefährlich und bevormundend. Praktisch aber habe ich ein Dilemma festgestellt:

In Leichter Sprache gibt es kein Verstecken hinter medizinischem Fachchinesisch. Eine vollständige Ausformulierung aller Details kann unerwünscht plastisch und dadurch einschüchternd sein.https://leichtblick.de/ls-medizin Klick um zu Tweeten

EIn kleines Beispiel: Ich sollte die vorvertraglichen Informationen für einen Betreuungsvertrag in Leichte Sprache übertragen. Ein langer, grausig schwerer Abschnitt beschäftigte sich mit allen Eventualitäten, in denen Bewohner*innen die Einrichtung verlassen müssen. Das ging von besonderem medizinisch-pflegerischem Versorgungsbedarf, bei dem das Absaugen von Bronchialsekreten oder die Pflege einer Trachealkanüle nötig sei, bis zu schweren Hirnschäden aufgrund jahrelangem Drogen- oder Alkoholmissbrauch. In Leichter Sprache wurden daraus seitenlange schauderhafte Beschreibungen. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Suchtmittelabhängigkeit, chronisch mehrfach geschädigte Alkoholiker, Morbus Korsakoff

Die Krankheitsbilder zeichnen sich dadurch aus, dass der Betroffene psychische und organische Beeinträchtigungen aufweist, die oft zu Desorientierung, Gedächtnisstörungen, Selbstvernachlässigung und nicht selten zu aggressivem oder autoaggressivem Verhalten führen.

Der Ausschluss muss erfolgen, weil die mit den Kostenträgern geschlossenen Vereinbarungen diese besondere Leistung nicht vorsehen. Entsprechend sind auch nicht die erforderliche erhöhte Personalausstattung bzw. die Refinanzierung des erforderlichen spezialisierten Personals zur fachgerechten Betreuung der Betroffenen mit den öffentlichen Kostenträgern vereinbart. Dem besonderen Betreuungsbedarf kann nur in spezialisierten Einrichtungen mit dafür spezifisch qualifiziertem Fachpersonal entsprochen werden.

Der Ausschluss hat zur Folge, dass in dem Fall, dass der Bewohner die entsprechenden Erkrankungen aufweist, der Wohn- und Betreuungsvertrag beendet werden muss und ein Umzug erforderlich wird.

Wann müssen Sie ausziehen?

Sie haben Morbus Korsakoff?
Dann müssen Sie ausziehen.
Morbus Korsakoff kommt von einem Schaden im Gehirn.
Der Schaden kommt von sehr viel Alkohol.
Oder von anderen Drogen wie LSD.
Menschen mit Morbus Korsakoff vergessen alles.
Sie vergessen zum Beispiel zu essen oder oder auf Toilette zu gehen.
Oft sind diese Menschen schnell wütend.
Und oft verletzen diese Menschen sich selbst.
Wir können uns nicht um Menschen mit Morbus Korsakoff kümmern.
Wir bekommen für die Pflege von Menschen mit Morbus Korsakoff kein Geld.
Diese Menschen brauchen Hilfe von Experten für ihre Krankheit.
Dafür gibt es besondere Einrichtungen.

Nach Durchsicht des ersten Rohentwurfs, meldete sich der Auftraggeber:

Für den zu Grunde liegenden Text wurden uns die Aussagen nahegelegt, weil nur so für den Fall eines möglichen späteren Konflikts bestimmte mögliche Schadensersatzforderungen abgewehrt werden können. Diesen Anspruch müssen wir an den Text in leichter Sprache nicht erheben, denn ihm fehlt die für diesen Effekt erforderliche Rechtsrelevanz. Statt dessen aber wirkt die Liste der Grausamkeiten abschreckend.

Verständlich, dass man zukünftige Bewohner*innen nicht gleich wieder vergraulen wollte. Also haben wir den ganzen Abschnitt auf einen kurzen Abschnitt eingedampft. Hier das Endergebnis:

Wann müssen Sie ausziehen?

Vielleicht werden Sie sehr krank.
Vielleicht brauchen Sie dann sehr viel Hilfe.
Dann können wir uns vielleicht nicht genug um Sie kümmern.

Zum Beispiel, wenn Sie sich gar nicht mehr bewegen können.
Und deshalb immer jemand bei Ihnen sein muss.
Oder, wenn eine Maschine Ihnen Luft in die Lunge blasen muss.
Oder, wenn Sie sich selbst oder andere Menschen ständig verletzen.

Dann haben wir vielleicht nicht genug Pfleger und Pflegerinnen.
Oder nicht die nötigen Maschinen.
Denn dafür bekommen wir nicht genug Geld.

Deshalb müssen Sie dann vielleicht ausziehen.
Dann können Ihnen andere Leute besser helfen.

Leichte Sprache und Rechtssicherheit

Das bringt mich zu der Frage: Können Texte in Leichter Sprache überhaupt rechtssicher sein? Bislang gibt es dazu wenig theoretischen Background. Meistens ist die Übersetzung in Leichte Sprache deshalb ein Zusatzangebot – so wie im oben beschriebenen Fall. Ein Hilfsmittel, mit dem Empfänger*innen das Original verstehen können. Oft eine Art Ausfüllhilfe. Rechtsgültig ist dann nur das Original. Diesen Weg wählt zum Beispiel das RKI bei den Aufklärungsblättern zur Corona-Impfung.

Mir ist allerdings ein Inklusionsbetrieb bekannt, der Arbeitsverträge nur in Leichter Sprache anbietet. Auch bei der inklusiven LeiSA-parti-Studie bemühen wir uns, die Einverständniserklärung direkt in Leichter Sprache unterschreiben zu lassen. Noch steht das grüne Licht der Ethikkommission aus. Sie muss die ethische Unbedenklichkeit der Studie bestätigen, und die korrekte Aufklärung der Proband*innen ist dafür eine Voraussetzung. Wir mussten den ersten Entwurf also nochmal gründlich überarbeiten. Das Ergebnis ist sehr viel länger als erhofft – aber es ist rechtssicher.

Abstrakt oder konkret?

Warum ist es eine Herausforderung, juristische Konzepte in verständliche Sprache zu übertragen? Ein Grund dafür sind gegenläufige Bestrebungen: Einen Text in Leichte Sprache zu übertragen heißt immer auch, abstrakte Konzepte konkret und anschaulich zu machen. Dafür wird oft auf Beispiele zurückgegriffen. Die Rechtssprache will aber ja gerade nicht konkret sein, sondern auf möglichst viele Situationen anwendbar sein. In der Leichten Sprache gilt: Etwas ist nicht eindeutig? Dann ist auch nicht leicht. Bei den meisten Rechtsstreitigkeiten geht es hingegen gerade darum, ein sehr allgemeines Gesetz auf die eine oder andere Art zu interpretieren.

Zurück zur Medizin

In einer Einverständniserklärung oder einem Beipackzettel stehen immer viele furchtbare Nebenwirkungen. Die meisten sind extrem selten. Mein Weltwissen sagt mir deshalb: Das klingt alles dramatisch, es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass mir das passiert. Deshalb vertraue ich auf das Geschick des medizinischen Fachpersonals. Weil ich verstehe, dass der Eingriff wichtig und notwendig ist. Was aber, wenn dieses Weltwissen fehlt? Oder, wenn jemand schon vorher in Panik ist. Leichte Sprache ist im Schnitt mindestens 3-4 Mal länger als das Original. Eine ellenlange, extrem plastische Darstellung körperlicher Nebenwirkungen scheint da keine gute Idee.

Andere Inhalte von Aufklärungsbögen sind hingegen fundamental: Wie muss ich mich vor und nach dem geplanten Eingriff verhalten? Was darf ich und was darf ich nicht? Was wird genau mit mir gemacht und warum ist der Eingriff nötig? Nehmen die Ausführungen über mögliche Komplikationen und Risiken zu viel Raum ein, besteht die Gefahr, dass die wirklich wichtigen Informationen im Text untergehen. Denn die Aufmerksamkeitsspanne ist bei der Adressatenschaft der Leichten Sprache oft begrenzt.

Fazit:

Medizintexte übertragen heißt immer auch abwägen zwischen aufklären und nicht abschrecken. https://leichtblick.de/ls-medizin Klick um zu Tweeten
Nicht abgeschreckt? Dann erstellen wir dir gerne einen Medizintext in Leichter Sprache!
Ja, ich will Inga kontaktieren

Übrigens: Die Gedanken zur Rechtssicherheit in der Medizin habe ich aus dem Buch „Leichte Sprache – Barrierefreie Kommunikation in helfenden und beratenden Berufen“ von Vera Apel Jösch.

2 Kommentare

  1. Silvana Pasquavaglio

    Wieder einmal ein sehr guter und aufkärender Artikel!

    Mir gefällt besonders, dass du mit dem Kündigungsbeispiel auch den aufwendigen Übersetzungsprozess deutlich machst: Wieviel Arbeit darin steckt, klar und verständlich zu übersetzen und sich mit einem Text in Leichter Sprache nicht mehr hinter Floskeln oder Fachbegriffen verstecken zu können. Dass man als Übersetzer:in in einer ersten Übersetzung oft erst kleinschrittig vorgeht, um klar zu sagen, „was Sache ist“. Und dass man sich dann in einem zweiten Schritt von dieser ersten Übersetzung löst und die (in dem genannten Fall weniger drastisch klingende) Kernaussage herausfiltert.

    Ich möchte noch hinzufügen, dass die leicht verständliche Übersetzung sicher nicht nur für die Betroffenen selbst eine große Hilfe ist, sondern auch für deren Familien und Bezugspersonen. Auch bei diesen handelt es sich ja nicht um medizinisches Fachpersonal, sondern um Angehörige, die einem Familienmitglied/Angehörigen (oft in einer Ausnahmesituation) beistehen wollen, aber selbst Probleme haben, das medizinische Kauderwelsch zu verstehen.

    Ganz wichtig finde ich auch Deinen Hinweis, dass Menschen mit Lernbeeinträchtigung nicht über das Weltwissen verfügen, das vielen von uns selbstverständlich scheint. Sich diese Tatsache vor Augen zu führen, macht hoffentlich auch Skeptiker:innen der Leichten Sprache deutlich, wie wichtig eine Übersetzung ist, damit Menschen (mit und ohne Lernbeeinträchtigung) nicht mit zu schweren „Informationen“ in Panik versetzt werden, sondern durch verständliche Texte in die Lage versetzt werden, eine für sie relevante Entscheidung zu fällen.

    • Danke für dein wertvolles Feedback! Ich gebe dir absolut recht: Sehr oft sieht man dem fertigen Produkt nicht den langen Weg an, den es gegangen ist. Meistens erstelle ich zunächst die grobe Struktur und in diesem Zuge auch eine Vorauswahl der wichtigsten Inhalte. Gleichzeitig ist es häufig wie du beschreibst: Erstmal übertrage ich lieber etwas genauer, und dünne dann aus bzw. verallgemeinere.
      Auch den zweiten Punkt finde ich sehr wichtig: Auch Menschen aus dem Umfeld profitieren von leichten Texten. Und zwar nicht nur aus dem Grund, den du nennst (weil die Inhalte auch für sie selbst schwierig zu verstehen ist), sondern auch, weil sie es sind, die die Inhalte oft einfach erklären müssen/wollen. Deshalb sind die Texte auch bspw. für Berater*innen hilfreich.

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